Monthly Archive for Juni, 2008

User generated content: Wie gut sind Laien als Journalisten?

Früher bloß Verfasser von Leserbriefen, heute Autor von Web-Kommentaren, Blogs und Social-Media-Portalen – das Profil von Medienkonsumenten hat sich stark gewandelt.

In Zeiten von Web 2.0 wird Nutzerbeteiligung groß geschrieben, die Profis vom Fach sind damit aber nicht rundum glücklich. Das ergibt eine Studie der Universität Münster, die in der Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift Message veröffentlicht wurde. Im Zuge der Erhebung wurden 2007 183 Internetredaktionen von Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und reinen Webangeboten befragt.

  • 84 Prozent sagten dabei, dass sie durch die Nutzerbeteiligung bei der Recherche nicht entlastet würden.
  • 27 Prozent meinten gar, dass durch die Nutzerbeteiligung der Personalaufwand deutlich steigen würde.

Positiv sehen die Internet-Redakteure bei den Nutzer-Beiträgen vor allem zwei Faktoren:

  • Die Meinungsvielfalt steigt (95 Prozent Zustimmung).
  • Die Reichweite des Angebots steigt (89 Prozent Zustimmung).

Bei den Leser-Kommentaren wird oft das Thema Zensur relevant. Die Süddeutsche Zeitung etwa lässt seit Ende letzten Jahres an Wochenenden und nachts keine Kommentare mehr zu, nachdem sich unangemessene Einträge gehäuft hatten. Generell werden bei den meisten Medien die Kommentare moderiert, die Regeln dafür sind oft Anlass zu Kritik.

> Nutzerbeteiligung in der Praxis – 3 Beispiele:

Bei der Kleinen Zeitung können Leser-Reporter Bilder einschicken.

Readers Edition ist der größte Feldversuch von Bürger-Journalismus.

Have Your Say heißt die Kommentar-Plattform von BBC.

> Nachtrag:

Der Magazinverlag 8020 Publishing in San Francisco bringt Produkte auf den Markt, deren Content (sowohl Text als auch Bilder) von Lesern bestückt wird, derzeit zum Beispiel das Fotografiemagazin JPG.

Wenn alle Fußball schauen, würdigt keiner einen neuen Buchstaben

Da wird ein neuer Buchstabe aus der Taufe gehoben und ich hätte es fast nicht bemerkt. Zum Glück habe ich bei Textinen-Kollegin Susi Ackstaller vorbeigeschaut. Sie hatte trotz Halbfinale Zeit für einen Blog-Eintrag zum neuen großen ß. Alles im Detail dazu weiß Heise Online.

Und überhaupt war das Fußballspiel Deutschland – Türkei vor dem Fernsehschirm ja eine wenig erfreuliche Angelegenheit: Ein bisschen Donner und schon fällt europaweit das Bild aus. Das kann doch wohl nicht sein, findet sogar das Medienhandbuch.

Internet ist für Europäer wichtiger als TV und Zeitungen

istock-alex-slobodkinDas Internet ist das einflussreichste Medium für europäische Konsumenten. Es hat einen etwa doppelt so großen Stellenwert wie das zweitwichtigste Medium: das Fernsehen. Gegenüber traditionellen Printmedien ist der Unterscheid sogar noch größer.

Das ist das wichtigste Ergebnis der Studie „Digital Influence Index“. Die PR-Agentur Fleishman-Hillard und der Marktforscher Harris Interactive befragten dazu 5.000 Internetnutzer aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

Weitere Inhalte der Studie:

  • Internet-User nutzen je nach konkretem Anliegen unterschiedliche Online-Angebote. Sehr oft Informationen des Anbieters eines Produkts, aber auch Meinungen Dritter in Online-Foren, Blogs oder auf Produktbewertungs-Webseiten.
  • Konsumenten haben immer noch starke Vorbehalte bezüglich der Internetsicherheit und der Vertrauenswürdigkeit von Online-Informationen.
  • Deutsche Verbraucher liegen bei der Informationssuche im Internet klar voran. Mehr als vier von fünf Internetnutzern lesen Wikipedia. Die Wahrscheinlichkeit, einen Wikipediaeintrag zu verfassen oder zu ändern, ist mehr als doppelt so hoch wie in Großbritannien oder Frankreich.

> Mehr Information:

Presseinformation von Fleishman-HIllard

Gut oder gratis VI: Killt Gratiscontent die Meinungs- und Pressefreiheit?

6. und vorerst letzter Teil meiner Serie zu Gratis-Content online und offline, zu den Auswirkungen für Qualität sowie Informationsvielfalt und zu neuen Geschäftsmodellen für Medienunternehmen.

Der Trend hin zum kostenlosen Medienkonsum könnte langfristig gravierende Folgen haben. Message, die internationale Zeitschrift für Journalismus, zeigt, wie dadurch die Werte der Medien- und Pressefreiheit untergraben werden. In der ersten Ausgabe 2008 erschien ein Beitrag der Journalistin Bree Nordenson (ursprünglich veröffentlicht bei Columbia Journalism Review).

Sie beschreibt in ihrem Artikel zunächst, wie explosionsartig sich Zeitungen in den 1970er Jahren entwickelten – sie wurden damit zu einer der attraktivsten Kapitalanlagen und viele Zeitungsverlage notierten schließlich an der Börse.

Nun hat sich die Situation geändert. Viele Mainstream-Medien kürzen bei den Redaktionen, um ihre Gewinnspannen aus der Vergangenheit halten zu können. Es entsteht ein Konflikt zwischen den privaten Medien und ihren öffentlichen Aufgaben, die sie immer weniger erfüllen können, ohne zugleich ihren wirtschaftlichen Eigeninteressen zu schaden.

Nordenson schreibt: „Medienprodukte sind deshalb außergewöhnlich, weil oftmals zwei sehr unterschiedliche Abnehmer für die Vermittlung von Medieninhalt an ihr Publikum bezahlen. Mit anderen Worten: Das Medienunternehmen verkauft erst Produkte an die Leserschaft und dann die Leser an die Anzeigenkunden. Durch das Modell der kostenfreien Inhalte in den meisten Online-Nachrichtenquellen sind die Leser weniger denn je bereit, Abonnementgebühren zu zahlen. Das macht die Presse – gedruckt wie online – noch abhängiger vom Anzeigengeschäft. Das Ergebnis: Oft sind die Medien gezwungen, verstärkt Leser an Anzeigenkunden zu verkaufen anstatt Journalismus an die Leser.“

Für Nordenson gibt es nur einen Ausweg aus dieser Situation: Der Staat muss den Journalismus vor dem Druck des Marktes schützen – und sie stellt dazu einige Förder-Modelle aus europäischen Ländern vor. Ihr Ansatz findet gerade in den USA naturgemäß wenig Befürworter. Das Grundproblem jedoch gilt es in Europa wie in Amerika zu lösen: Wie können Medien trotz Abhängigkeiten von öffentlicher Seite oder wirtschaftlichen Interessen ihre gesellschaftspolitische Aufgabe erfüllen?

Gut oder gratis V: Auflagen von Kaufzeitungen weltweit steigend

5. Teil meiner Serie zu Gratis-Content online und offline, zu den Auswirkungen für Qualität sowie Informationsvielfalt und zu neuen Geschäftsmodellen für Medienunternehmen.

Die verkauften Auflagen von Zeitungen sind im Jahr 2007 weltweit um 2,6 Prozent gestiegen. Das ergibt eine Auswertung der World Association of Newspapers (WAN). Rund um den Globus wurden im Vorjahr täglich 532 Millionen Exemplare verkauft, hinzu kommen nochmals 41 Millionen Exemplare an Gratiszeitungen. In Summe haben 1,7 Milliarden Menschen täglich 573 Millionen Zeitungen gelesen.

Die 321 kostenlosen Zeitungen machen sieben Prozent der Gesamtreichweite aller Zeitungen aus. Die größten Gratiszeitungen der Welt sind laut dieser Aufstellung Leggo (Italien mit 1,95 Millionen Exemplaren), Metro in Großbritannien mit 1,4 Millionen Exemplaren und 20 Minutos in Spanien mit 1 Million Exemplaren.

Die größten Zeitungsmärkte der Welt sind China, Indien, Japan, USA und Deutschland. Die verkauften Auflagen sind in Indien deutlich gestiegen, in den USA allerdings gefallen.

Somit zeigt sich: Die Kontroverse Kauf- versus Gratiszeitung ist im globalen Maßstab (noch) nicht aktuell. Hierzulande allerdings sehr, wie gerade eine Aktion des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ) zeigt. In einer eigenen Studie wurden Nutzungsdaten von Kauf- und Gratis-Medien verglichen. Erwartetes Ergebnis: Gekaufte Zeitungen werden konzentrierter genutzt, genießen eine höhere Glaubwürdigkeit, berichten umfassender usw. Mehr bei der Studie “VÖZ Medienqualitäten 2008“.

> Das nächste Mal: Killt Gratiscontent die Meinungs- und Pressefreiheit?

Gut oder gratis IV: Was die Medien in den USA heute und unsere morgen plagt

4. Teil meiner Serie zu Gratis-Content online und offline, zu den Auswirkungen für Qualität sowie Informationsvielfalt und zu neuen Geschäftsmodellen für Medienunternehmen.

Die Probleme in der Medienwelt sind in Europa wie in den USA ähnlich: Junge Zielgruppen brechen als Zeitungleser immer stärker weg. Die deutsche Kommunikationszeitung Horizont schrieb in der Ausgabe vom vom 2. Mai 2008: In den USA lesen nur noch 19 Prozent der 18- bis 34-Jährigen täglich eine Zeitung, das Durchschnittsalter der Leser liegt bereits bei 55 Jahren.

Ähnlich ist die Situation beim Fernsehen: Sechs Millionen Zuseher gingen den US-Fersehstationen diesen Mai im Vergleich zum Vorjahr verloren, ergaben Nielsen-Zahlen in der New York Times. Klassisches Fersehen ist out, gerade jüngere Zuseher bevorzugen On-Demand-Angebote, die aber die für die Werbewirtschaft wichtigen Einschaltquoten drücken. Internet-TV wird diese Entwicklung weiter verschärfen.

Diese Entwicklung zeigt auch Spuren bei den Journalisten. Bei einer Befragung des American Journalism Review waren sich 43 Prozent der Befragten unsicher, ob sie in fünf Jahren noch als Redakteur arbeiten würden.

Der Druck auf die Branche wird intern heiß diskutiert, etwa beim Kongress von American Society of Newspaper Editors und der Newspaper Association of America. Dort wurde auch ein positiver Aspekt der aktuellen Entwicklung gesehen, ist in einem Beitrag im Horizont vom 15. Mai 2008 zu lesen: „Zeitungshäuser erreichen mittlerweile über ihre verschiedenen Distributionskanäle ein größeres Publikum denn je.“ Das mag stimmen, aber die wirtschaftlichen Probleme der Medien werden dadurch nicht gelöst.

> Das nächste Mal: Auflagen von Kaufzeitungen weltweit steigend


Buchtipps für Gründer und Redner

Anita Arneitz, Kollegin im Netzwerk “Texttreff“, gibt auf ihrem Blog zwei Buchtipps, auf die ich einfach weiterverlinken möchte:

Oliver Groß
Einfach gesagt – Wie Sie mit Rhetorik Menschen für sich gewinnen und überzeugen

Detlef Kutta, Karsten Mühlhaus (Hrsg.)
Gründung und Franchising 2007/2008

Alternativen zu “Googloo”

Yahoo geht lieber mit Google als mit Microsoft. “Plan G oder Selbstmord aus Angst vor dem Tod?”, fragt sich dazu turi2. Wohin das führen mag, war vor einigen Jahren schon in einem beklemmenden Video zu sehen. Und wie viel die beiden Internetriesen bereits jetzt an Daten sammeln, war bei K2 im April diesen Jahres zu lesen.

Es ist Zeit, das eigene Webverhalten bewusster zu diversifizieren. Ich suche derzeit zum Beispiel öfters auch bei Exalead, eine Suchmaschine französischen Ursprungs mit eigener deutschen Dependance.

Auch interessant: Die Zeitschrift “Computer – Das Magazin für die Praxis” hat in der Ausgabe 7/08 Suchmaschinen getestet. Bewertet wurden:

  • die Qualität der Treffer zu 10 vorgegebenen Beriffen,
  • das Verhältnis der informativen zu den Werbeergebnissen,
  • die Bedienungsfreundlichkeit
  • und der Umgang mit personenbezogenen Daten.

Testsieger wurde Metager mit der Gesamtnote “sehr gut” (Note 1,49). An zweiter Stelle folgt Wikia mit “befriedigend” (3,0) und auf Platz drei Google mit Gesamtnote “ausreichend” (3,6). Mehr dazu bei SuMa-Blogger.

Eine Zusammenstellung weiterer Links zum Suchen gab es bei K2 vor rund einem Jahr.

Weitere Anregungen sind sehr willkommen!

Nachtrag:
Gerade gefunden: Amnesty Deutschland hat jetzt eine eigene Suchmaschine gestartet: http://www.sucheohnezensur.de liefert Ergebnisse auf der Basis von Metager, aber ohne Google-Input.

Gut oder gratis III: Killer versus Filler Content in Web 2.0

3. Teil meiner Serie zu Gratis-Content online und offline, zu den Auswirkungen für Qualität sowie Informationsvielfalt und zu neuen Geschäftsmodellen für Medienunternehmen.

Jüngste Zahlen bestätigen es gerade wieder: Nachrichten werden zunehmend online konsumiert. Die 20 meistgenutzten News-Portale Deutschlands wurden im ersten Quartal 2008 1,2 Milliarden Mal besucht. Das entspricht einer Zunahme von 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (Quelle: PR-Portal).

Das Leitmedium Spiegel Online hat vor kurzem seine kompletten Archive geöffnet und eine neue Wissens-Plattform gestartet. Viele wollen diesen Erfolg kopieren, andere versuchen eigene gewinnträchtige Modelle zu kreieren, so wie das etwa der Zeit mit einer Kooperation mit Parship gelungen ist. Qualität ist das oberste Credo im Online-Auftritt, sagt Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser im Interview mit dem deutschen Horizont (23. Mai 2008): „Low-Key-Portale wie Web.de, AOL oder GMX sind mit Abrechnungsmodellen unterwegs, bei denen die Klickhäufigkeit das entscheidende Kriterium ist. Solche Modelle sind für uns betriebswirtschaftlich wenig attraktiv. Unsere Preislisten basieren auf der hohen Qualität der Marke und orientieren sich daher weiterhin nach Tausend-Kontaktpreisen.“

In den Online-Bereich investiert auch die Holtzbrinck-Gruppe, im Sommer 2008 wird es einen Relaunch für Handelsblatt.de geben, kündigt Chefredakteur Bernd Ziesemer an: „Wir stellen uns im Internet spitzer auf, verabschieden uns von Randbereichen – etwas Bildergalerien, die zwar Klicks bringen, aber nicht zu uns passen – und konzentrieren uns auf die intelligente Verknüpfung hochwertiger Inhalte mit Datenbanken.“ Was immer das heißen mag.

Die Kreativität im Online-Bereich wird auf jeden Fall noch viele neue Produkte auf den Markt bringen. Interessant ist zum Beispiel das Online-Infoservice der Polit-Aktivistin Arianna Huffington. Sie startete 2005 ihr Projekt Huffington Post: Hier finden sich jede Menge Links zu Blogs, Nachrichten des Tages, Fotos und Videos. Nur ein geringer Teil davon ist eigener Content, primär wird auf eine bunte Mischung fremder Sites verlinkt – die wechselseitige Verlinkung hilft beiden Seiten bei solchen News-Aggregators.

> Das nächste Mal: Was die Medien in den USA heute und unsere morgen plagt

Warum Werbeagenturen für integrierte Kommunikation plädieren

Die Spendings für klassische Werbung sind rückläufig, war im letzten Beitrag auf K2 zu lesen. Und wie reagieren Kommunikationsdienstleister darauf? Die deutsche Branchenzeitung Horizont schreibt dazu in der letzten Ausgabe vom 5. Juni 2008, dass Agenturen vermehrt neue Pfade zu den Zielgruppen suchen. Die Scholz & Friends Group etwa verdankt nur noch 34 Prozent ihrer Umsätze klassischer Werbung, vor vier Jahren waren es noch 54 Prozent.

Das Schlagwort heißt also wieder mal integrierte Kommunikation. Seit Jahren geistert der Begriff schon durch die Branche und mir fehlt bis heute der Glaube daran. Welche Werbeagentur versteht wirklich schon etwas von Medienarbeit? Und welche PR-Agentur ist wirklich Profi für New-Media-Projekte? Meist wird das Thema ohnehin durch eigene Agenturen oder Units innerhalb einer Gruppe gelöst – und das heißt dann erst recht, dass von unterschiedlichen Teams klar abgegrenzte Projekte realisiert werden. Was mit klingenden Begriffen wie “orchestriert” und “360 Grad” beschrieben wird, hält in der Umsetzung oft nicht Stand.

Ich denke, dass das integrierte Denken meist besser beim Kommunikations-Team des Kunden angesiedelt ist: Dort fließen unterschiedliche Wege zu einem gemeinsamen Ziel zusammen. Am anderen Ende sorgen echte Spezialisten dafür, dass das auch professionell geschieht.

Wahrscheinlich verdanken wir diese Integrations-Idee primär findigen Werbeagenturen, die einfach ihr Geschäftsfeld erweitern wollen.